Tagesdosis 31.7.2018 – Das war der freie Westen!

Julian Assange steht vor der Auslieferung aus dem Botschaftsasyl an Großbritannien und damit letztlich an die USA.

Das ist kein juristisches Detailproblem des Völkerrechts. Es ist Ausdruck eines fundamentalen Problems der westlichen Welt. Zu Zeiten des Kalten Krieges waren die Rollen klar verteilt, zumindest in der Selbstwahrnehmung des Westens: Der Ostblock hatte politische Gefangene, Dissidenten, und bestand aus einer Bevölkerung, die nur auf eine gute Gelegenheit wartete, in den „Freien Westen“ zu fliehen. Im Osten gab es Unterdrückung und Mangel, im Westen Meinungsfreiheit und und prall gefüllte Supermärkte. Ost-Flüchtlinge wurde gerne als von der „Freiheit“ überwältigte Menschen dargestellt, die sich verwundert die Augen rieben, ob der Möglichkeit, den Staat zu kritisieren und der langen Regale voller verschiedener Käsesorten in den glänzenden Supermärkten . Flüchtlinge waren Menschen, die leicht desorientiert vor Glück in der bunten Vielfalt des „American Way of Life“ aufblühten, stets überfordert von den Möglichkeiten, die sich ihnen plötzlich boten. „Alles so schön bunt hier“, wie Nina Hagen das kritisch und dankbar zugleich formulierte. Die westliche Pop Musik, in die sie geflüchtet war, war Ausdruck und Botschaft des Systems: Alles ist möglich, und es macht so viel mehr Spaß als im grauen Osten. Jeans und LPs waren die wirksamsten Wunderwaffen des Kapitalismus, Erscheinungsform einer vitalen Gesellschaft, die im Selbstverständnis wenig Schattenseiten hatte, die zudem meist als Preis der Freiheit dargestellt wurden. Insbesondere Kalifornien mit seiner gefühlten Hauptstadt Hollywood war das verheißene Land der Menschheit, die realexistierende Möglichkeit, nach eigener Facon selig zu werden, seinem ganz eigenen „Pursuit of Happiness“ zu folgen, was, weltweit einzigartig, jedem Individuum von der amerikanischen Verfassung garantiert wurde. Die Rolling Stones, die Beatles, die Doors und viele andere lieferten den Soundtrack zu dieser Kultur. Auch im Vietnamkrieg, dem Menetekel des westlichen Selbstverständnisses.

Als Bestätigung dieses Selbstbilds gab es den ungarischen Erzbischof und Primas Joszef Mindszenty, der sich gegen den Faschismus und den Kommunismus gewehrt hatte und nach dem von den Sowjets gewaltsam niedergeschlagenen Aufstand 1956 in die US Botschaft flüchtete. Mindszenty hatte zuvor in einem aufsehenerregendem Schauprozess alle Vorwürfe gestanden, die ihm die kommunistische Führung gemacht hatte, also Verrat und Agententätigkeit für den Westen, mit leeren Augen, gefoltert, offenkundig unter Drogeneinfluss. Die Nutzung der ersten von der pharmazeutischen Forschung entdeckten Psychopharmaka zu geheimdienstlichen und staatlichen Zwecken im Ostblock war -angeblich- der Anlass für das später bekannt gewordene „MK Ultra“-Programm der CIA, mit dem die USA auf einem neuen Gebiet der Kriegführung gleichzuziehen versuchten, dessen populärster Ausdruck die „Gehirnwäsche“ war. Mit ihr brachen die kommunistischen Staaten die Persönlichkeiten der westlichen Kriegsgefangenen des Korea Krieges und ihre dissidenten Bürger, zombifizierten sie. So hieß es in den „Freien Medien“ des „Freien Westen“

Der gefolterte und unter Drogen gesetzte ungarische Erzbischof in der US Botschaft, in der er 15 Jahre seines Lebens verbrachte, war ein Symbol für die Unterdrückung im Ostblock und die moralische Überlegenheit des Westens.

Tatsächlich wurde Mindszenty über die Jahre zu einer Last für die USA, die katholische Kirche und Ungarn. 1971, als er auf Betreiben des US Präsident Richard Nixon freigelassen wurde und freies Geleit in den Westen erhielt, war er weniger strahlender Held als ein reaktionäres Fossil des Kalten Krieges, das alle Seiten ohne großes Aufsehen loswerden wollten…

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