Tagesdosis 20.10.2018 – Der Fall Khashoggi: Was steckt dahinter?

Die mysteriöse Affäre um das Verschwinden des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi hat alle Qualitäten eines Polit-Thrillers aus der Feder eines Frederick Forsythe oder eines John le Carré. Geht man den bisher bekannt gewordenen Fakten auf den Grund, so stößt man auf ein Netz aus Gewalt, Lügen und Täuschungsmanövern, das es mit jeglicher Fiktion aufnehmen kann.

Khashoggi, 60, hatte am 2. Oktober die saudische Botschaft in Istanbul aufgesucht, um dort Papiere für seine bevorstehende Hochzeit mit einer türkischen Staatsangehörigen zu beantragen. Vor dem Betreten des Gebäudes hatte er seiner Verlobten aus Sorge, dass man ihn vielleicht festhalten werde, die Telefonnummer eines hohen Beraters von Präsident Erdogan gegeben.

In der Tat tauchte Khashoggi nicht wieder auf, so dass seine Verlobte den Berater informierte. Was dann passierte, entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zu einer weltweit beachteten Affäre: Türkische Behörden behaupteten, Khashoggi sei in der Botschaft ermordet worden und veröffentlichten Bildaufnahmen eines 15köpfigen saudischen Kommandos, darunter mehrere Mitarbeiter des königlichen Geheimdienstes, das kurz vor Khashoggis Verschwinden an- und kurz danach wieder abgereist war.

Kurze Zeit später meldeten zwei türkische Tageszeitungen, man verfüge über Ton- und Videoaufzeichnungen von Khashoggis Ermordung. Daraufhin verlangte die türkische Regierung für ihre Behörden Zutritt zur saudischen Botschaft, um vor Ort ermitteln zu können. Die Führung in Riad lehnte rundheraus ab und beharrte darauf, Khashoggi habe die Botschaft lebend verlassen, konnte ihre Version der Ereignisse aber nicht belegen.

Als immer größere Zweifel an den offiziellen Verlautbarungen des saudischen Königshauses laut wurden, schaltete sich das Ausland ein. US-Präsident Trump telefonierte mit dem amtierenden Herrscher Prinz Mohammed Bin Salman, der die Dinge nun in ein anderes Licht rückte und davon sprach, Khashoggi sei möglicherweise Opfer eines „außer Kontrolle geratenen Verhörs“ oder eines Mordanschlags durch „skrupellose Killer“ geworden.

Nach dieser unerwarteten Wendung der Ereignisse gestattete die saudische Botschaft in Istanbul den türkischen Behörden, Ermittlungen innerhalb des Gebäudes aufzunehmen. Deren Aussagen zufolge wurden tatsächlich Hinweise gefunden, die auf ein gewaltsames Ende des Journalisten hindeuten.

So abenteuerlich die bisherige (und großenteils nicht durch Fakten belegte) Entwicklung der Affäre klingt, so wichtig ist es, Wirklichkeit und Fiktion auseinanderzuhalten – sowohl was das Opfer, als auch, was die Interessenslagen der verschiedenen Beteiligten angeht.

Der offensichtlich zu Tode gekommene Journalist war in seiner Jugend Anhänger der islamistischen Mujaheddin und Kampfgefährte von Osama Bin Laden. Nach einer steilen Karriere in verschiedenen Redaktionen fiel er 2003 wegen kritischer Äußerungen über einen saudischen Religionsgelehrten bei den Machthabern in Ungnade und wurde mit einem Berufsverbot belegt, nach dessen Aufhebung er jedoch wieder als Chefredakteur einer Zeitung und als Medienberater eines Kronprinzen arbeitete.

2017 geriet er erneut mit dem Herrscherhaus in Konflikt, weil er einen Artikel veröffentlichte, in dem ein ihm untergebener Redakteur Kritik am religiösen Fundamentalismus äußerte. Aus Angst vor Repressalien verließ Khashoggi am 18. September 2017 seine Heimat, übersiedelte in die USA und arbeitete dort unter anderem als Kolumnist für die Washington Post.

Khashoggi war weder Dissident noch engagierter Menschenrechtler. Er hat sich zeitlebens zur Monarchie bekannt und deren Existenzrecht nie infrage gestellt. Allerdings hat er im Machtkampf zwischen den verschiedenen Kronprinzen, den Mohammed Bin Salman vor etwa zwei Jahren gewaltsam für sich entschied, aufs falsche Pferd gesetzt, indem er dessen Gegenspieler Kronprinz Al Walid unterstützte…

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