Maschinenliebe

Was Sexroboter können und wie sie unser Verhältnis zur Technik verändern

Unter dem Motto “Einblick in das, was ist” hielt Martin Heidegger 1949 in Bremen vier Vorträge, in denen er sich u.a. mit dem Einfluss der Technik auf das Leben in der modernen Welt auseinandergesetzt hat. In einem dieser Vorträge, der einige Jahre später unter dem Titel “Die Frage nach der Technik” (1953) publiziert wurde, beschreibt Heidegger das Wesen der Technik als ein weit über das eigentlich Technische hinausgehendes “Entbergen” von Sein. Technik in ihrer modernen Form ist demnach nicht nur bestimmt durch ihre instrumentelle Aneignung von Welt; vielmehr sorgt sie dafür, dass bis dahin Verborgenes ins Unverborgene gelangen kann, und dies nicht zuletzt mit Blick auf den Menschen als Erfinder und Anwender technischer Produkte selbst.

Man könnte salopp sagen, Technik ist immer auch eine Form der Offenlegung dessen, was ist, wer wir sind und wohin wir wollen oder vielleicht besser — angesichts der nicht immer rosigen Zukunftsperspektiven— nicht wollen. Kurzum, Technik ist etwas ureigentlich Menschliches und in unserem Verhältnis zur ihr offenbart sich nicht selten die Wahrheit über die menschliche Existenz an sich.

Dabei ist unser Umgang mit der Technik naturgemäß ambivalent, schon deshalb, weil wir abhängig von Alter und Lebenserfahrung den mit ihr verbundenen Wahrheiten in unterschiedlicher Weise begegnen bzw. in die Augen schauen. Der britische Autor Douglas Adams, der durch seine für das BBC geschriebene Comedy Serie “The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy” in den achtziger Jahren zu beträchtlichem Ruhm gelangt ist, hat daher — nicht ganz ohne Ironie — drei altersbedingt unterschiedliche Phasen in unserem Verhältnis zur Technik identifiziert:

1) Alles, was schon an Technik in der Welt ist, in die wir hineingeboren werden, nehmen wir als gegeben und “natürlich” wahr. 2) Was dann zwischen unserem 15. und 35. Lebensjahr an technischen Neuerungen hinzukommt, empfinden wir als neu, aufregend und interessant. 3) Alles, was danach erfunden wird, lehnen wir oft kategorisch und umso leidenschaftlicher ab, je mehr sich die Jüngeren zu diesen Erfindungen hingezogen fühlen.

Entwicklungspsychologisch gesprochen hat die Technik, deren beständige Erneuerung und Verfeinerung ja ebenfalls zu ihrem Wesen gehört, ihre größten Fans demnach unter den jüngeren Erwachsenen, jener soziologischen Kohorte also, in der sich häufig die enthusiasmierten Nutzer von Smartphones oder Googles Smart Speaker “Alexa” finden.

Auch wenn Technik unser Leben immer schon mitbestimmt hat, so erschien sie doch lange Zeit als etwas dem Menschen Äußerliches, als ein — wenngleich zunehmend raffiniertes — Werkzeug zur Erreichung praktischer Ziele wie der Nahrungsfindung, dem Bauen von wetterfesten Unterkünften oder der Verständigung über große Distanzen und natürliche Hindernisse hinweg. Technik war der Bereich des Instrumentellen, in dem die Überlegenheit des modernen Menschen über die Widrigkeiten der Natur für alle und jeden sichtbar wurde.

Dieses rein instrumentelle Verständnis von Technik wurde jedoch im Laufe der Zeit durch zwei Parameter — nämlich die dem Menschen immer ähnlicher werdenden Maschinen auf der einen sowie das dem Menschen eigene emotionale Verhältnis zu seiner Umwelt auf der anderen Seite — fragwürdig. So sehr wir uns mit Hilfe technischer Erfindungen eine bessere, menschengerechtere Zukunft erträumten, immer lauerte da auch die Angst der drohenden Verwischung der Grenzen von Mensch und Maschine, sei es in Form des Aufstands der Maschinen gegen ihre Erbauer oder als die menschliche Hingabe an und damit die endgültige Abhängigkeit von unserem maschinellen Ebenbild.

Nicht nur die klassische Science Fiction Literatur, sondern auch unzählige moderne Erzählungen sind voll an derartig bedrohlichen Szenarien. Sie konfrontieren uns entweder mit einem künstlich erschaffenen Monster, etwa Mary Shelley in “Frankenstein” (1818) und Ambrose Bierce in “Moxon’s Master” (1899), oder sie führen uns die Gefahren der erotischen Hingabe an die verführerische Figur einer perfekten aber eben trügerischen, dem Menschen nur scheinbar ähnlichen Maschine vor Augen, so in E. T. A. Hoffmanns “Der Sandmann” (1817) oder Fritz Langs “Metropolis” (1927).

Zwar gab es schon im achtzehnten Jahrhundert und davor sprechende, verblüffend menschen- bzw. tierähnliche Maschinen, mit der Entwicklung des Computers und der damit verbundenen Möglichkeit künstlicher Intelligenz (AI) stellt sich die Frage nach den Grenzen zwischen Mensch und Maschine jedoch völlig neu und das in verschärfter Form.

Obwohl es in der Fachwelt immer noch eine lebhafte Auseinandersetzung über die Frage des technisch Möglichen gibt, also darüber, ob wir uns schon in wenigen Jahren hinsichtlich von Intelligenz und Lernvermögen auf ebenbürtige oder gar uns überlegene Maschinen einstellen müssen, so weisen die bereits existierenden “intelligenten” Replikanten jedenfalls klar in eine für den Menschen — vorsichtig ausgedrückt — nicht unproblematische Zukunft.

Einen interessanten Ausblick in diese Zukunft, in der Maschinen eben nicht mehr nur Hilfsdienste verrichten, sondern aufs Engste mit unseren Emotionen, sexuellen Phantasien und körperlichen Bedürfnissen verbunden sind, geben die seit jüngstem auch in Deutschland erhältlichen sogenannten “Sexroboter”. Ursprünglich aus Japan und den USA stammend, lassen diese “Triebbefriedigungsmaschinen” nur erahnen, wie sehr unser Dasein in Zukunft von der seit der Aufklärung gefürchteten ultimativen Symbiose zwischen Mensch und Maschine geprägt sein wird.

Filme wie “2001: A Space Odyssey” (1968), “Blade Runner” (1982) und “Blade Runner 2049” (2017), “Her” (2014) und zuletzt “The Circle” (2017) haben sich der menschlichen Angst vor dem technisch induzierten Identitätsverlust in jeweils unterschiedlicher Weise angenommen. Zunehmend spielen dabei auch Fragen nach Datenschutz und dem Schutz der Privatsphäre eine Rolle, denn ohne unsere Bereitschaft, intimste Details ständig und ohne Einschränkung mit der Welt der Maschinen zu teilen, sind weder das Internet der Dinge noch die verschiedenen nützlichen, manchmal auch weniger nützlichen “menschenähnlichen” Helfer kaum einsatzbereit. Dies gilt natürlich in besonderem Maße dann, wenn es sich um unsere sexuellen Vorlieben und vermeintlichen Triebe handelt, bei deren Befriedigung besagte Sexroboter uns in Zukunft Hilfestellung leisten werden.

Die sozialen, ethischen und religiösen Implikationen angesichts dieser neuen Spezies an Sexspielgefährten sind weitreichend und offenkundig. Sie wurden von der internationalen Fachwelt auf verschiedenen Kongressen, auf Madeira (2014), in Malaysia (2015) und zuletzt an der University of London (2016) bereits ausgiebig diskutiert. Und sie haben inzwischen zu einer lautstarken internationalen Gegenbewegung geführt (“Campaign against Sex Robots”), die vor den mit Sexrobotern verbundenen Gefahren warnt und auf Verbote jeglicher sexueller Handlungen mit Maschinen drängt.

Dessen ungeachtet vertreibt die Firma Realbotix seit 2017 nun auch den ersten männlichen Sexroboter für Frauen, wenn auch noch für den stolzen Preis von ca. $ 15.000. Trotz erster, zumeist negativer Einschätzungen — etwa von einer Rezensentin des SZ Magazins (“Hausfreund aus Silikon”) — liegen die Anwendungsgebiete für derartige Maschinen, auch außerhalb privater Schlafzimmer, auf der Hand. Im Londoner Stadtteil Paddington plant der Sex-Toy Unternehmer Bradley Charvat bereits ein “Robot Fellatio Cafe”, in dem sich der morgendliche Pendler bei einem Cafe Latte von einer der Sexroboter-Damen unterhalb der Gürtellinie verwöhnen lassen kann.

Rechtliche Bedenken sowie insbesondere der relative hohe Anschaffungspreis legen zunächst eine Nutzung in Bordellen und oder medizinisch-psychotherapeutischen Einrichtungen nahe. Außer Frage steht jedoch, dass unser Umgang mit derartig menschenähnlichen, sprechenden und auf unterschiedliche Persönlichkeitsmuster programmierbaren Maschinen — von willig bis widerständig, und von einfühlsam bis dominant — grundsätzlich verändern wird.

Die Geschichte technischer Erfindungen, so schrieb der kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan am Anfang des Computerzeitalters, war im Grunde eine Geschichte der Erfindung immer effizienterer menschlicher Prothesen. So erlaubte etwa der Buchdruck das Teilen von Gedanken und Ideen mit Menschen, die fernab der Welt des Autors lebten und für diesen — ohne Buch — bislang unerreichbar waren. Auch die Einführung von Rundfunk und Fernsehen war für McLuhan weitgehend eine Ausweitung unseres Hör- und Sehvermögens, die es uns erlaubte, über große Distanzen hinweg “zu”zuhören und “fern” zu sehen. Und selbst der Computer nimmt in dieser Genealogie lediglich den Platz eines wesentlich verfeinerten und ganz auf Interaktion abgestellten Mediums ein, dessen wir uns bedienen, um mit Menschen am anderen der Welt jederzeit und in Echtzeit in Kontakt zu treten.

In gewisser Weise funktionieren auch die nun erhältlichen Sexroboter noch als Prothesen, denn sie befriedigen ja nicht nur “mechanisch” unsere wie auch immer gearteten sexuellen Bedürfnisse, sie erlauben vielmehr die Projektion dieser Bedürfnisse auf einen von uns manipulierten, künstlichen Körper. Allerdings lässt diese Leseweise außer Acht, dass die Nutzung eines Sexroboters mit emotionalen und triebgesteuerten Fixierungen einhergehen kann, die weit über die Nutzung anderer technischer Hilfsmittel — etwa der eines Hammers oder eines Akkuschraubers — hinausgehen.

Was unverbesserliche Smartphone-Nutzer schon lange wissen, der ständige taktile Interaktion mit einem technischen Gerät, das auf eine simple Berührung hin unsere Wissens- oder Kommunikationsbedürfnisse befriedigt, kann auf eine Art süchtig machen, die — im Fall des Entzugs — weit über den damit verbundenen Annehmlichkeitsverlust hinausgeht. Steve Jobs und der Apple-Konzern haben diese emotive Komponente im Umgang mit technischen Geräten so effektiv ausgereizt, dass sich Investoren nun weltweit Gedanken über einen eventuellen legislativen “Backlash” in Form von Altersbeschränkungen und anderen Zugangsverboten machen.

Sexbots: Neue Formen der Liebe, oder doch nur die alte Lust an der Selbstbefriedigung?

Gäste:

Prof. Dr. Barbara Vinken, Professorin für Allgemeine und Französische Literaturwissenschaft, u.a. Verfasserin von “Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos”.

Prof. Dr. Klaus Benesch, Lehrstuhl für Nordamerikastudien an der LMU, u.a. Verfasser von “Romantic Cyborgs”.

Manfred Scholand, Sexpuppenhändler, RS-Dolls.

Telepolis lädt ein zum Telepolis-Salon heute abend um 19 Uhr im Münchener Lovelace in der Kardinal-Faulhaber-Str. 1. Eintritt: 5 EUR, ermäßigt 3 EUR.

Es steht also kaum zu erwarten, dass sich im Umgang mit Sexrobotern diese emotive Komponente in unserem Verhältnis zur Technik als weniger prägend und damit letztlich weniger ominös erweist. Was sich indes vorhersagen lässt, ist, dass die mit ihnen einhergehende, rasant zunehmende Verwischung der Grenzen von Mensch und Maschine uns nachdrücklich Anlass bieten wird, eben diese Grenzen zu überdenken und vielleicht neu zu fassen.

In ihrem 1984 erschienenen “Cyborg Manifesto” hat die amerikanische Evolutionsbiologin Donna Haraway u.a. mit Blick auf gentechnische Entwicklungen in den Natur- und Humanwissenschaften von der Möglichkeit eines utopischen Neudenkens der Rolle von Männern und Frauen in der westlichen Gesellschaft gesprochen. Wenn sich zeige, so Haraways Hoffnung, dass die über Jahrhunderte gewachsenen Geschlechterrollen in der westlichen Gesellschaft durch in der Retorte erzeugte Mischwesen (“Cyborgs)” in Frage gestellt würden, dann muss dies auch auf die gesellschaftlichen Debatten um eben diese Rollen und ihre sozialen Implikationen Auswirkung haben.

Anders ausgedrückt, anstatt — zugegeben wichtige — ethische Fragen wie die nach der “richtigen” Nutzung einer Maschine auf den Bereich von Sexrobotern zu übertragen, wäre es unter Umständen angebracht, diese Fragen vor dem Hintergrund einer immer komplexer werdenden Anthropologie noch einmal neu zu denken. Dabei ist der Katalog an Themen, die von den uns ins Haus stehenden Sexmaschinen aufgeworfen werden, beeindruckend lang. Er reicht von einer ernsthaften Kritik am Primat unserer aufgeklärt-instrumentellen Vernunft über neuerlich aufflackernde rassistische Ideologien bis hin zu Transgender-Debatten und der Frage nach der Möglichkeit eines dritten, neutralen Geschlechts.

Aller offensichtlichen Rückschläge zum Trotz, schaut man sich die teilweise atemberaubenden Veränderungen mit Blick auf den gesellschaftlichen Diskurs zur Schwulen-Ehe und zur Transgender- Gesetzgebung an, dann scheint sich die zunehmende “Maschinisierung” unserer Lebenswelt und der damit einhergehenden Infragestellung alteingesessener Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten als ein durchaus fruchtbarer Nährboden für diese Debatten erwiesen zu haben. Ob dies analog auch für die flächendeckende Einführung von maschinellen Sexsklaven gelten wird, bleibt abzuwarten.

Der Einwand, diesen neuen “Hausfreunden aus Silikon” ermangele es letztlich an Fantasie, weshalb sie eigentlich nur für profane Hausarbeiten tauglich seien und im Vergleich zum guten alten Vibrator weit hinter den mit ihnen verbundenen Erwartungen zurück blieben, greift nach meiner Ansicht jedenfalls zu kurz: Menschen und Maschinen aller Länder vereinigt Euch! (Klaus Benesch)

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